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Manchmal helfen Worte nicht weiter

Vor 7 Jahren, es war Sommer, kam Seraina das erste Mal zu mir in eine private Yogastunde. Eine junge, gesunde Frau Anfang 30. Seraina hatte kein körperliches Leiden, auf das ich mich vorbereiten konnte für die Stunde mir ihr, sie kam wegen etwas anderem. Vor wenigen Monaten hatte sie ihren Mann verloren. Er schlief gesund neben ihr ein und wachte nie mehr auf.

Das alles geschah in Hongkong - wo sie erst 4 Monate vorher eingewandert waren, um sich ihren beruflichen Traum zu erfüllen. Seraina hatte mir dieses traumatische Erlebnis kurz via E-Mail geschildert, bevor wir uns im Yoga Studio in Zürich trafen.

Wie gehen wir mit solchen traumatischen Erlebnissen um?

Wie kommen wir wieder zurecht in der Welt, die uns gerade mit einer der grössten Angst – einen geliebten Menschen zu verlieren – konfrontiert hat? Als Yogalehrerin sehe ich die Menschen aus einem ganzheitlichen Blick. Was uns auf seelischer, mentaler und emotionaler Ebene widerfährt, beeinflusst auch unseren physischen Körper – das wiederum reflektiert zurück auf die psychische Verfassung und so entsteht ein Kreislauf. Was zuerst kam, ist für mich in erster Linie nicht so wichtig, ich beobachte den Körper, den Atem und nehme die feinstofflichen Schwingungen wahr. Dann beginne ich mit meiner Arbeit.

Der Unterschied von Mitleid und Mitgefühl

Durch Seraina durfte ich lernen, was der Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl ist. Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass Mitleid aus einer inneren Angst entsteht (was wenn mir das auch passiert?) Mitgefühl aus einer inneren Liebe zum Gegenüber. Wir haben nicht sehr viel gesprochen während den Stunden. Zwischendurch erzählte sie mehr Details – dann, wenn es gerade reif und stimmig war. Ihr Körper und ihre Seele jedoch sprachen zu mir. Wenn es uns gelingt, Kontakt mit unserem Herzen aufzunehmen, den Inneren Frieden wahrzunehmen - auch wenn im Aussen gerade nichts mehr stimmt, wenn wir den Zugang zu etwas Höherem finden, dann kann Heilung entstehen.

Die Sprache des Herzens

Diese Kunst, die Sprache des Herzens zu lernen, diesen inneren Frieden über den eigenen Körper zu erfahren, haben ich bei Father Joe Pereira, einem meiner Yogalehrer, gelernt. Seine Methode Alignment Yoga zu unterrichten, beeinflusst unsere Arbeit bei The Yoga Place in Zürich stark. Über den physischen Körper arbeiten wir an den feinstofflichen Schichten unseres Körpers. Dazu braucht es nicht viele Worte. Wenn das Bedürfnis da ist zu reden, hören wir zu – sonst schweigen wir.

Mit diesem Wissen und meiner eigenen persönlichen Erfahrung, wie Yoga helfen kann, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten, habe ich mit Seraina gearbeitet. Manchmal helfen Worte nicht weiter, manchmal ist alles bereits gesagt, was gesagt werden muss, manchmal bleibt nur noch eine Leere – und diese Leere füllten wir gemeinsam mit Yoga auf. Seraina war sehr diszipliniert, sie kam 2-mal pro Woche. Oft waren wir bereits um 06.30 morgens zusammen im Yoga Studio in Zürich. Sie wollte an sich arbeiten, ich spürte ihren starken Willen und empfand sie nie in der Opferrolle. Sie war traumatisiert, sie hatte aber keine offene Wut auf das Leben.

Wir dürfen heilen, auch wenn Narben bleiben

Wenn ich Seraina heute während unseren gemeinsamen Yogastunden beobachte, sehe ich die Veränderungen in ihrem Körper und in ihrem Atem. Es sind subtile Änderungen und ich weiss, sie hat ihr Trauma überwunden. Die Narben dessen, was sie erlebt hat sind da; die haben wir alle und wenn man auf ihnen herumdrückt, tun sie auch mal wieder weh. Aber sie sind nicht mehr eitrig und sie hindern uns auch nicht daran, ein glückliches und erfülltes Leben zu führen.

Heute ist Seraina wieder glücklich verheiratet und Mutter einer wunderschönen, gesunden und munteren kleinen Tochter. Seraina hat eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die anderen Menschen in ähnlichen Situationen Mut machen soll. Den Mut wieder aufzustehen, weiterzugehen – wir alle dürfen Glück und Frieden empfangen; auch nach traumatischen Erlebnissen. Wir müssen nicht Opfer der Vergangenheit bleiben, sondern wir dürfen heilen, vergeben und unsere Zukunft genau in diesem Moment selbst planen. Yoga kann uns auf diesem Weg wirklich helfen.

Zum Abschluss noch ein paar Fragen an Seraina:

Seraina, wie hat dir Yoga geholfen?

Yoga hat mir geholfen wieder atmen zu können und mich selbst zu spüren. Es hat mir die nötige Stabilität gegeben, wieder am Leben teilzunehmen. Nach Davids Tod war ich gefühlt nur noch eine ‘Hülle’ ohne Inhalt. Alles war taub und leer. 

Hattest du während dieser Zeit noch andere Therapien gemacht / Was hat noch geholfen?

Ganz am Anfang habe ich auch Hilfe in der Psychotherapie gesucht. Das hat mir dabei geholfen eine Antwort zu finden, wenn Leute gefragt haben wie es mir geht (die naheliegendste und für mich schlimmste Frage die man mir stellen konnte). Ansonsten hatte ich immer das Gefühl, dass es nicht viel zu sagen gibt, da kein Wort der Welt meinen Mann zurückbringen würde.

Das wichtigste für mich war die Liebe und Unterstützung der Familie und des Umfelds zu spüren. Jede Umarmung, jeder Gedanken und geteiltes Weinen und Lachen haben mich getragen. 

Gibt es etwas das du dir von deinem Umfeld gewünscht hättest, aber nicht bekommen hast?

Eine solche Situation erschüttert Menschen um einen herum sehr. Einige fühlen sich dann mir ihren eigenen Ängsten konfrontiert und wenden sich von einem ab. Ich habe gelernt das es manchmal einfach Zeit braucht. Zeit die man sich nehmen soll aber auch Zeit anderen zu geben. 

Tanja sagt, sie hat empfand dich nicht in der Opferrolle, wie siehst du das?

Das ist eine sehr spannende Frage. Natürlich kam da ab und zu die Frage hoch warum mein Mann, warum ich? Meine Trauer war unendlich groß und ich habe über mehrere Wochen fast nur geweint und geschlafen. Irgendwann hat meine Mutter zu mir gesagt, dass es jetzt an der Zeit wäre aufzustehen. Sie hat angefangen kleine Spaziergänge mit mir zu machen. Zuerst nur ums Haus dann ein bisschen weiter. Schritt für Schritt. Da wusste ich das ich mich zurück kämpfen musste und wollte. Ich war zu jung, um den Rest meines Lebens im Kinderzimmer meiner Eltern zu verbringen. Ich hatte das Geschenk des Lebens noch. Zudem hat mein Mann immer gesagt, dass er meinen Mut bewundert. Ich wollte das er stolz auf mich blickt von wo auch immer er jetzt ist. 

Was möchtest du noch sagen?

Ich wünsche mir das es Menschen, die sich gerade in einer ähnlichen Situation befinden Hoffnung gibt. Dass sie den Glauben und die Kraft in sich finden wieder aufzustehen. Das Glück findet einem wieder, auch wenn es im Moment unmöglich scheint.

(Text: Tanja Lenger Mascarenhas, Expertin in Alignment Based Yoga)