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Hatha Yoga, Meditation und Raja Yoga um was geht es?

Dieser Artikel soll Klarheit um das Thema Hatha Yoga, Meditation und Raja Yoga bringen, dessen Yoga Sutras in den Yogalehrer:innen Ausbildungen viel gelesen werden. Ich erkläre, wo die Unterschiede liegen, wie die Begriffe entstanden sind, wo sie verschmelzen und warum Patanjali kein Hatha-Yogi war.

Hatha Yoga

Raja Yoga

Etwas über die Geschichte von Yoga

Die Yoga Sutras

Überschneidung mit Hatha Yoga und Raja Yoga

Was steht in den Yoga Sutras von Patanjali über Yoga Asana?

Yoga Asana – nur eine Sitzhaltung oder doch mehr?

Die Limiten des Hatha Yoga

Was wenn ich mehr Interesse an den Körperübungen habe als an Meditation?

Kurz zusammengefasst

Hatha Yoga

Hatha Yoga wurde erstmals schriftlich in der im 15. Jahrhundert n. Chr. von Swami Swatmarama geschriebenen Text, der Hatha Yoga Pradipika erwähnt. Dieser Autor erklärt bereits ganz am Anfang seines Textes sehr klar, dass der Hatha Yoga nur Mittel zum Zweck sei, um Raja Yoga zu erlangen.

Das ist eine sehr wichtige Kernaussage und darauf kommen wir wieder zurück – merke sie dir also.

Der Schwerpunkt im Hatha Yoga liegt in erster Linie auf den körperlichen Aspekten des Yoga, als Mittel zur Vorbereitung auf tiefere spirituelle Praktiken.

Die Praxis umfasst körperliche Übungen, die den Körper reinigen und stärken, den Geist ausgleichen und auf die Meditation vorbereiten sollen. Dazu gehören:

  • Asana (Körperübungen)
  • Pranayama (Atem Kontrolle)
  • Mudras (Gesten), Bandhas (Energieschlösser)
  • Reinigungstechniken (Shatkarmas).

Gleichmal schon vorweg: aus unserer persönlichen Sicht sind nicht alle Praktiken aus der Yoga Pradipika gleich sinnvoll, teilweise sind sie sogar eher schädlich. Es ist wichtig, dass man solche Praktiken hinterfragt, nicht alles, was «alt» ist, ist auch weise. Hier spreche ich vor allem die verschiedenen Reinigungspraktiken oder Pranayama an, die teilweise extrem invasiv oder aggressiv sind und aus heutiger Sicht mit etwas Abstand betrachtet werden sollten.

Wie erwähnt, ist das Ziel von Hatha Yoga einen starken und gesunden Körper und Geist zu schaffen, der als Grundlage für höhere Meditationszustände und dem spirituellen Erwachen dient. Und das wiederum ist bekannt als Raja Yoga.

Raja Yoga

Raja Yoga ist auch bekannt als der „Königliche Pfad“ oder „König des Yogas“. Er konzentriert sich auf den Geist, den Umgang mit den Gedanken und die Meditation. Raja Yoga befasst sich mehr mit den geistigen und spirituellen Aspekten des Yoga, weniger mit den körperlichen. Es ist der Weg, wie man durch Meditation zur Erleuchtung gelangt.

Raja Yoga folgt unter anderem einem achtgliedrigen oder achtstufigem Pfad (Ashtanga), wie er von dem Weisen Patanjali in den Yoga-Sutras beschrieben wird. Dieser Text umreisst systematisch die Philosophie und Praxis des Raja Yoga, einschließlich der acht Stufen des Raja-Yoga:

  • Yama & Niyama (beschreibt ethische Grundsätze sowie der Umgang mit sich selbst und anderen) 
  • Asana (Körperhaltung)
  • Pranayama (Atemkontrolle - Atemübungen)
  • Pratyahara (Zurückziehen der Sinne)
  • Dharana (Konzentration)
  • Dhyana (Meditation/Achtsamkeit)
  • Samadhi (Erläuchtung)

Das Hauptziel des Raja Yoga ist es, durch die Beherrschung des Geistes und der Gedanken sowie tiefe Meditation Selbstverwirklichung und Befreiung (Moksha) zu erlangen. Es wird versucht, geistige Kontrolle (Gedankenkontrolle) und spirituelle Erleuchtung zu erreichen.

Etwas über die Geschichte von Yoga

Die Wissenschaft datiert die Abfassung der Yoga-Sutras von Patanjali zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 4. Jahrhundert n. Chr. Es ist aber erwiesen, dass Yoga, so wie in den Sutras des Raja Yoga beschrieben, schon viel länger existieren. Das Wissen wurde traditionell mündlich von Lehrer zu Schüler:in weitergegeben und Patanjali war der Erste (so nimmt man es an), der das Wissen in kurzen Sätzen (Sutras) niedergeschrieben hat.

Im Indus-Tal gibt es Ausgrabungsstätten, von der Indus Sarasvati Zivilisation (Harappa Zivilisation), die Beweise liefen, dass Yoga bereits vor mehreren tausend Jahren gelehrt wurden. Die Indus Sarasvati Zivilisation hat ihren Ursprung ca. 7000 Jahre v. Chr. und erlebte ihre Blütezeit ca. 3000 v. Chr. – 1900 v. Chr. mit ca. 5 Millionen Menschen. Manche Wissenschafter gehen davon aus, dass der Ursprung noch länger zurückliegen könnte (10'000 – 15'000 v. Chr.). Das wäre also ca. nach dem Ende der Eiszeit.

Wir haben ebenfalls gelernt, dass die Hatha Yoga Pradipika im 15. Jahrhundert n. Chr. geschrieben worden ist; ein enormer Zeit-Gap!

Die Yoga Sutras von Patanjali

Wer sich mit den Yoga Sutras von Patanjali beschäftigt, weiss, dass es sich dabei um ein Buch mit 4 Kapitel handelt und insgesamt 196 Versen (Sutras) beinhaltet. Spannend ist, dass das Buch mit dem Kapitel über Samadhi Pada beginnt. Dieses Kapitel richtet sich nicht an Anfänger des Yoga-Weges oder Anfänger der Meditation, sondern an jene, die bereits fortgeschritten sind auf ihrem Weg. Und wie gesagt, fortgeschritten in Bezug auf Raja-Yoga (Meditation) nicht in Bezug auf Hatha Yoga.

Das zweite Kapitel heisst Sadhana Pada und richtet sich an jene, die mit Raja Yoga oder mit Meditation beginnen möchten. Dieses Kapitel umfasst auch die oft erwähnten 8 Stufen des Yogaweges. Yama & Niyama (ethische Grundsätze und der Umgang mit sich selbst und anderen), Asana (Körperhaltung), Pranayama (Atemkontrolle), Pratyahara (Zurückziehen der Sinne), Dharana (Konzentration), Dhyana (Meditation/Achtsamkeit) und Samadhi (Erläuchtung). Wobei die letzten drei Stufen (Dharana, Dhyana und Samadhi) im 3. Kapitel, dem Vibhuti Pada beschrieben werden. Dort beschreibt Patanjali wie es weiter geht, wenn man die ersten 5 Schritte und übrigen Lehren des Sadhana Pada gemeistert hat.

Überschneidung mit Hatha Yoga und Raja Yoga

Wer eine Yogalehrer-Ausbildung macht, lernt in der Regel auch etwas über die Yoga Sutras von Patanjali. Es ist fester Bestandteil des Yoga Alliance Curriculum. Natürlich legt jede:r Yogalehrer:in die Yoga Sutras etwa anders aus, aber wichtig ist, dass man versteht, dass die Yoga Sutras eben zu Raja Yoga (Patanjali) gehören und nicht zum Hatha Yoga.

Im Kapitel 2 der Yoga Sutras, Sadhana Pada, werden 5 der 8 Stufen des Yogas erklärt und die 3. Stufe beinhaltet die Asana, die Körperübungen.

Wer Yoga rein mit Körperübungen assoziiert, und die Yoga Sutras studiert, ist vermeintlich überrascht, denn es gibt hierzu nur gerade 3 Sutras! Und es handelt sich in diesen Sutras um Erklärungen, wie man sich am besten für die Meditation hinsetzt. Und nicht, wie man den Kopfstand oder den herabschauenden Hund etc. machen soll.

Asana wird oft als Yogaübungen oder Körperübungen übersetzt und wir nutzen den Begriff in unserem Yogastudio in Zürich (The Yoga Place) auch so. Aber das Wort Asana entspringt der Wurzel -as im Sanskrit (die Sprache, in der die Yoga Sutras geschrieben wurden) was „sitzen“ bedeutet. Es beschreibt also eine Sitzhaltung.

Was steht in den Yoga Sutras von Patanjali über Yoga Asana?

In den drei Yoga Sutras über Asana steht folgendes geschrieben:

2.46 Die Haltung (Asana) sollte ruhig, stabil und bewegungslos sowie bequem sein, und dies ist die dritte der acht Sprossen des Yoga. (sthira sukham asanam)

2.47 Das Mittel zur Vervollkommnung der Haltung ist das Entspannen oder Lockern der Anstrengung und das Zulassen, dass die Aufmerksamkeit mit der Unendlichkeit oder dem Unendlichen verschmilzt. (prayatna shaithilya ananta samapattibhyam)

2.48 Aus der Erlangung dieser vervollkommneten Haltung erwächst eine unangreifbare, ungehinderte Freiheit von Leiden aufgrund von Gegensatzpaaren (wie Hitze und Kälte, gut und schlecht oder Schmerz und Vergnügen). (tatah dvandva anabhighata)

Diese drei Sutras kann man auf alle Yoga Asana (Yogaübungen) anwenden, auch wenn sie sich im Kontext des Raja Yoga auf die Sitzhaltung beim Meditieren beziehen.

Und alle Yogaübungen sollten auch genau mit dieser Qualität und Geisteshaltung praktiziert werden, denn so erhalten sie einen meditativen Charakter. Wenn man dann noch versteht, dass es nicht um die Übung an sich geht, sondern um den Zweck, den wir damit erreichen möchten, dann haben wir schon sehr viel verstanden in Sachen Yoga.

Yoga Asana – nur eine Sitzhaltung oder doch mehr?

Die gewählte Haltung soll also ruhig, stabil und bewegungslos sowie bequem sein. Mh.. gut dann lege ich mich am besten hin zum Meditieren, könnte man da denken.

Aber nein, meditieren geht leider nicht im Liegen! Für die Meditation muss man sitzen, und zwar so, dass der Kopf, Hals und Rumpf in einer Linie liegen, wobei die natürliche Krümmung der Wirbelsäule erhalten bleiben muss.

Entspannungsübungen oder Achtsamkeitsübungen können hingegen auch im Liegen ausgeführt werden.

Vor 1000enden Jahren hatte man keine Stühle und sass meistens auf dem Boden, so entstanden die verschiedenen Sitzvarianten für die Meditation. Heute darf man durchaus auf einem Stuhl meditieren. Das erleichtert vielen die Mediation.

Anfänger:innen fällte es aber schwer, länger zu sitzen, selbst wenn ein Stuhl zur Verfügung steht. Der Körper ist schlicht nicht bereit für eine längere Meditation, geschweige denn der Geist, der ständig Hin-und-Her hüpft.

Ich denke, dass der Verfasser der Hatha-Yoga Pradipika (Swami Svatmarama) das auch gesehen hat bei seinen Schüler:innen, denen er Raja Yoga lehren wollte und darum diesen Text über Hatha Yoga geschrieben hat.

Denn ein Körper, der nicht frei von Schmerzen, Krankheit oder toxisch ist, tut sich viel schwerer mit Meditation. Hier setzt das Hahta-Yoga an. Ich denke persönlich, dass Hatha-Yoga, wie das Raja Yoga ja auch, geschichtlich deutlich weiter zurück geht als angenommen und es macht Sinn, dass es als Vorbereitung für den Raja Yoga bereits vor 1000enden von Jahren in irgendeiner oder anderen Form unterrichtet wurde.

Da Patanjali aber die Yoga-Sutras an fortgeschrittene Schüler:innen richtete, setze er wohl bereits voraus, dass deren Körper und Geist bereit für den nächsten Schritt ist. 

Durch verschiedene Körperübungen wird der Körper stärker und beweglicher. Der Geist kann sich schneller beruhigen und auch die Atemübungen helfen dabei, die Gedanken zu zähmen. Danach fällt es eifnacher zu meditieren.

Und wie bereits weiter oben im Text erwähnt, wenn du deine Yogaübung einen Moment hältst, sie stabil und ruhig ist, fast bewegungslos, du aber innerlich entspannt bleibst und nicht "krampfst" in der Übung und achtsam bleiben kannst, dann ergibt sich eine ganz neue Qualität - deine Asana Praxis wird zur Meditation!

Diesen Effekt erzielst du nicht, wenn du schnell von einer Übung zur anderen wechselst und dabei noch Musik im Hintergrund läuft. In unserem Yoga Studio in Zürich üben wir die Yoga Asana (Yogaübungen) meditativ, wie von Patanjali beschrieben, und verbinden sie zusätzlich mit korrekter Ausrichtung (Alignment), damit wir uns nicht verletzen. 

Im Yoga sollte es nicht nur um den äusseren Aspekt des Körpers gehen. Denn wie es in der Einleitung der Hatha Yoga Pradipika erkärt wird, sind Yogaübungen nur Mittel zum Zweck. Der Zweck ist die Meditation, die uns Befreiung ermöglicht. Die Befreiung von unserem kleinen «ich» an dem wir so festhalten hin zu einem grösseren Ich, welches so unermesslich viel Potenzial hat.

Die Limiten des Hatha Yoga

Diese Befreiung erreichen wir nicht durch Yogaübungen, Atemübungen oder Reinigungstechniken, egal wie gut wir sie je machen werden. Um Befreiung zu erlangen, brauchen wir gute, und vor allem sichere (!), Meditationstechniken, die unseren Körper mit spiritueller Energie füllen kann und wir müssen die 8 Stufen des Raja Yoga befolgen.

Früher war es sogar so, dass «extreme» Hatha-Yogis oder – Yoginis nicht für höhere Meditationstechniken zugelassen wurden, weil deren feinstoffliche Körper zu «dicht» waren, und das behinderte den freien Fluss der feinstofflichen Energie in höheren Meditationen.

Heute sehen wir, dass wer sich nur um das Äussere kümmert (die Yoga Asana) oftmals etwas hart und schroff wird in seiner oder ihrer Persönlichkeit und sich das auch im Umgang mit anderen Menschen widerspiegelt und das entspricht so gar nicht den Werten des Yoga!

Was wenn ich mehr Interesse an den Körperübungen habe als an Meditation?

Wie bereits erklärt, ist die 3. Stufe des achtfachen Yogaweges nach Patanjali Asana. Asana wird oft als Körperübungen übersetz. Auch in unserer Alignment Yoga Schule, The Yoga Place in Zürich, verbringen wir viel Zeit in den regulären Gruppenstunden damit, die verschieden Yoga Asana richtig und sicher zu unterrichten und vermitteln den «Mind-Set» von nicht-kompetitivem oder vergleichendem Üben, denn Yoga ist kein Sport!

Denn die meisten Menschen kommen zu uns in die Yogastunden, weil sie die Yogaübungen besser verstehen und sich nicht verletzen wollen. Sie wollen ihrem Körper etwas Gutes tun und einfach mal herunterkommen vom ständigen Alltagsstress. Für viele ist das am Anfang genug, sie wollen nicht hinsitzen müssen und meditieren.

Das ist absolut ok, und Joey und ich respektieren das. Wir sind uns aber immer bewusst, warum wir machen, was wir machen. Auch wenn wir sehr detailliert und genau anleiten, die Anatomie der Menschen, die bei uns ins Yoga kommen mit einbeziehen und ihnen helfen, sich besser zu fühlen, verlieren wir nicht das Endziel aus den Augen, worum es im Yoga wirklich geht.

Wir persönlich praktizieren eine Synthese aus Raja und Alignment based Hatha Yoga sowie anderen Meditationstechniken, die im «Path to Arhatship» erlernt werden können.

Wir sehen jede und jeden, der bei uns durch die Türe kommt, als eine Seele in einem menschlichen Körper, die sich während ihrer Zeit auf Erden entwickeln möchte. Inwiefern sie unser ganzes Yoga-Angebot dafür verwenden möchte, überlassen wir der Person selbst. 

Wer einfach Yogaübungen machen möchte, ist genauso willkommen, wie eine Person, die sich durch eine Alignement Yogalehrer Ausbildung tiefer in die Materie einlassen möchte oder sich einfach spirituell weiter entwickeln möchte. 

Was wir aber nie sein werden, ist ein Yoga-Studio der reinen Körperschaustellung oder Äusserlichkeiten.

Wir sind kein Sport-Studio oder Work-Out Place und schon gar kein New-Age oder Yoga-Szenen "Hang-Out". Wir sind ein Alignment based Hatha Yoga Studio in Zürich. Alignment in Bezug auf die Körperhaltungen, aber auch in Bezug auf die Seele, so schlagen wir die Brücke von Hatha zu Raja Yoga.

Zusammenfassung Hatha Yoga vs Raja Yoga

Raja Yoga und Hatha Yoga überschneiden sich in der 3. Stufe des achtfachen Yoga-Weges nach Patanjali. In den Yoga-Sutras wird mit Asana eine Sitzhaltung beschrieben, die man einnehmen soll für die Meditation. Hatha-Yoga baut diese Stufe durch verschiedene Yogaübungen aus, ergänzt sie noch mit Atemübungen, Mudras und Reinigungstechniken, damit der Körper sich besser für die Meditation (Raja-Yoga) vorbereiten kann.

Hatha Yoga: Legt den Schwerpunkt auf körperliche Übungen (Asanas, Pranayama), um den Körper auf tiefere Meditation und spirituelle Praktiken vorzubereiten. Sein Schwerpunkt liegt auf der körperlichen Reinigung und der Kontrolle der Lebensenergie (Prana).

Raja Yoga: Konzentriert sich auf mentale und spirituelle Praktiken, um Selbstverwirklichung und Befreiung zu erlangen. Sein Schwerpunkt liegt auf der Kontrolle des Geistes, dem Umgang mit der eigenen Gedankenwelt und dem Erreichen höherer Bewusstseinszustände. Vereinfacht ausgedrückt ist es also der Weg der Meditation.

10 Mythen über Yogalehrer:innen